Der Bart ist ab!

The Heritage Post – Das Magazin für Herrenkultur

Mit der neusten Ausgabe der „The Heritage Post“ präsentiert das Redaktionsteam, um den Düsseldorfer Atelier Uwe van Afferden, schon die vierte Ausgabe des mittlerweile recht bekannten Herren Lifestyle-Magazins. Auf knapp 150 Seiten werden dem Leser eine Mischung aus Mode, Musik und Lifestyle-Produkten präsentiert, die sich hauptsächlich an den Stilen des späten 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts orientiert. Dabei legt das Magazin Wert auf eine äußerst hochwertige Aufmachung. Neben gut ausgewählten und handwerklich ausgezeichneten Fotografien, handgezeichneten Illustrationen sowie einer breiten Themenvielfalt rund um den genannten Lebensstil, besticht die Zeitschrift mit schwerem Hochglanzpapier und einem angenehm handlichen Format.

Weniger überzeugend sind jedoch die geschriebenen Beiträge und auch inhaltlich weist das Magazin Mängel auf. Nach einem überheblich wirkenden Vorwort des Chefredakteurs, der für sich und seine Mannen die Wiederentdeckung älterer Lebensstile annektiert und die Modeindustrie verdammt, folgt die Rubrik „Rugged Guys“. In diesem Teil des Magazins werden vier Herren aus den unterschiedlichsten Alters- und Gesellschaftsschichten vorgestellt, die anscheinend der vorgestellten Ars Vivendi verfallen sind und vor der Kamera scheinbar auch den Inhalt ihrer Hosen- und Jackentaschen ausbreiten. Im Gegensatz zu älteren Ausgaben wirkt dieser Teil des Magazins zunehmend unglaubwürdig. Die Charaktere wirken konstruiert und verleihen dem Tragen von Retrobekleidung, in dieser Form, einen uniformartigen Beigeschmack.

Obligatorisch für den Tascheninhalt dieser Herren ist das klassische Modell eines Montblanc Kugelschreibers, ein betagtes Feuerzeug, ein seltenes, möglichst stark gealtertes Taschenmesser (anscheinend damals wie heute sehr wichtig in der urbanen Gesellschaft) sowie jede Menge Nonsens. Die Auswahl an Unnützem erstreckt sich über Löffel, Spitzer, Hähnchenknochen, ausländisches Papiergeld bis hin zu  bunten Gummibällen und Ähnlichem. Ungewollt fungieren die durchweg unrasierten Herren nebenbei als genau das, wovon das Magazin sich eigentlich abgrenzen will: zweifelhafte Modepüppchen. An ihnen werden die neuesten Auskopplungen szenebekannter Designer, wie beispielsweise Nigel Cabourn, Haversack, Ralph Lauren und nicht zuletzt auch van Afferden, vorgeführt.

Mehr als lesenswert sind jedoch die Vorstellungen von Firmen, die, mit oder ohne Jahrhunderte alter Unternehmensgeschichte, ansehnliche und robuste Kleidungsstücke und Accessoires produzieren. Mit Liebe zum Detail, jedoch auch mit einer energieraubenden und ständigen Betonung von Traditionsgeist, sind diese Artikel in der Lage, dem Leser Lust auf eine Beschäftigung mit der Materie zu machen, welche über die Lektüre des Magazins hinausgeht. Ebenso erfrischend sind der Rezepttipp und der Beitrag über kaum tragfähige Jeans und ihre Besitzer. In einem Lifestyle-Magazin Hunderassen aufzuführen und deren Vorteile aufzuzählen, um dann letztendlich doch noch klarzustellen, dass es sich bei den Tieren nicht um Modeaccessoires handelt, wirkt wie ein schlechter Witz. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die letzten Zeilen des Artikels, die darauf hinweisen, dass es „…noch zahlreiche weitere Hunderassen [gibt] mit denen Mann sich blicken lassen kann, ohne sich schämen zu müssen.“.

Die Beiträge über Musiker und Künstler sind fragwürdig. Mit je zwei Seiten werden in der vorliegenden Ausgabe der Musiker J.D. McPherson und der Schriftsteller Jack Kerouac dargestellt.

Der Text über J.D. McPherson zeigt sich als widersprüchlich und deutet darauf hin, dass der Verfasser nicht ausreichend mit der Thematik vertraut ist. Zum einen beschreibt der Autor McPhersons Musik als „Rockabilly in seiner pursten […] Form“ und zieht einen unpassenden Vergleich zwischen Charlie Feathers „One Hand Loose“ und McPhersons Hit „North Side Gal“. Zum anderen führt er die musikalische Vergangenheit des Amerikaners an und erläutert den Einfluss von Punkmusik bei seinem Songwriting. Letzten Endes stimmt die vom Autor suggerierte Mischung von Musikstilen nicht mit der tatsächlichen Musik von J.D. McPherson überein und verwirrt den Leser.

Der Beitrag über Jack Kerouac kann eine auffällige Nähe zu dem gleichnamigen Wikipediaeintrag nicht abstreiten.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Magazin „The Heritage Post“ ein attraktiver Zeitvertreib in der Bahnhofsbuchhandlung ist, jedoch kann die Zeitschrift bei genauerer Betrachtung ihre Absicht nach wirklicher Authentizität nicht vermitteln und trägt ebenso zu der Kommerzialisierung von klassischen Kleidungstilen bei, wie die im Vorwort angeprangerten großen Modedesigner. Diese beuten in den Augen des Chefredakteurs die beschriebenen Stile aus und „hübschen“, laut van Afferden, ihre fehlende Firmengeschichte zusätzlich mit dem Begriff „Heritage“ auf. Dabei wird das Magazin seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht. Vorgestellte Marken wie Nigel Cabourn, The Flat Head Jeans, van Afferdens eigene Kreationen und andere vorgestellte Modehäuser, können selbst keine lange Firmenhistorie vorweisen und sie waren auch nicht „schon immer da“.

Mit stattlichen 7,50 Euro in Deutschland und 8,50 Euro in Österreich, liegt die „Heritage Post“ zudem preislich deutlich über anderen Herrenmagazinen.

In seiner Einleitung trifft es Chefredakteur Uwe van Afferden mit seiner Vermutung ins Schwarze, dass „Trittbrettfahrer und Scharlatane“ den Weg zu einem Modebewusstsein mit Traditionsschick gefunden haben und diesen Stil eine Weile nachahmen werden. Anscheinend fanden diese falschen Fünfziger aber auch den Weg in sein Modemagazin.

//Dennis J. Sennekamp//

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2 Antworten auf Der Bart ist ab!

  1. Hillbilly Hepcat sagt:

    Hallo Dennis!
    Zunächst mal: sehr gut geschrieben!
    Ich kann mich deiner Meinung ausnahmslos anschließen. Gerade die immer und immer wieder erwähnte, und regelrecht als ”Allzweckwaffe” gegen die Welt der modisch Stilverlorenen geführte ”Authentizität” bleibt nach dem Lesen von wenigen Ausgaben des auf pseudo-abgehobenem Niveau rangierenden Magazin bereits als erstes auf der Strecke. Das ganze wirkt konstruiert und künstlich, und führt eben jene Authentizizät ad absurdum. Offenbar scheint für Herrn van Afferden der Begriff ”Vintage” auch eine Synonym für ”teuer” zu sein, das jedenfalls trifft auf die meisten der aufgeführten Produkte zu. Ganz nebenbei bekommt man den Eindruck, das Magazin sei sowieso nur für eine kleine Gruppe Auserwählter vorbehalten, die den wirklich wahren Stil erkennen konnten. Über klassische Herrenmode, was man ja unter ”Magazin für Herrenkultur” durchaus erwarten könnte, liest man herzlichst wenig, stattdessen in erster Linie über den immergleichen old-rugged style gekleideten, in ein selbst definiertes Stilparadies entflüchteten Urban-Individualisten. Die Stichhaltigkeit der Beiträge hat auch mich in den wenigsten Fällen überzeugt, und zu oft wird etwas als qualitativ hochwertig angepriesen ohne das selbiges begründet wird. Handarbeit, Manufaktur, ”nach guter alter Tradition gefertigt” und ähnliche sich wiederholende und per se nicht viel aussagende Beschreibungen müssen hier leider ausreichen. Nichts desto trotz gibt es einige wenige interessante und gute Informationen aus dem Magazin herauszudestillieren. Aber auch das hat mich nur für die drei ersten Ausgaben zum Kauf überzeugen können. Alle Meinungen die ich bisher zum Magazin gehört habe decken sich mit der unsrigen. Und ebenso die Meinung das Herr van Afferden sich offenbar für Emailantworten zu schade ist. Schade!
    Danke für diesen gelungenen Artikel!

  2. Micha sagt:

    Hört, Hört!
    Dennis, Du sprichst mir aus der Seele. Schon nach dem Kauf einer einzigen Ausgabe war mir sehr schnell klar, dass dieser auch gleichzeitig der Letzte sein wird.
    Ganz abgesehen von den von Dir aufgezeigten inhaltlichen Mängeln, kann ich derartig elitäres Gehabe, respektive “Geschreibsel” nur schwer bis gar nicht ertragen.
    Schöner und treffender Artikel!

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